Freie Presse - Freitag, den 28.01.2011

Glasland Erzgebirge

Das Erzgebirge ist bekannt für Bergbau, Räuchermänner und Schwippbögen. Fast vergessen aber wird, dass auch die Glasherstellung und Glasveredlung eine lange Tradition haben.

VON UTE KREBS (TEXT) UND
WOLFGANG SCHMIDT (FOTOS)

Peter Uhlig aus Satzung ist, wie er sagt, de letzte Glassschleifer im Erzgebirge. In seiner Werkstatt läßt er sich gern bei der Arbeit über die Schulter sehen, erläutert den Besuchern unter anderem auch die Unterschiede zwischen dem Glasschleifen (Bild unten) und der Gravur (oben).

Ein Geräusch wie beim Zahnart. Fast greischend drückt sich die Schleifscheibe in das blaue Bleikristall, hinterläßt ihre Spur. Peter Uhlig ist voll konzentriert. Er zeichnet. Nicht mit Stift oder Pinsel, sondern mit der Schleifscheibe. Eine falsche Bewegung, ein zu starker Druck und das Muster ist zerstört. "Für uns gibt immer nur einen Versuch. Was weg ist, ist weg", stellt er lakonisch fest.
Aber Peter Uhlig ist Profi. Mit über 40 Jahre Berufserfahrung. Und: der gelernte Glasveredler, der sich 1992 mit einer kleinen Werkstatt in Satzung selbstständig gemacht hat, ist heute, wie er sagt, der letzte Glasschleifer im Erzgebirge. Die Betonung liegt auf Schleifer. Graveure gibt es in der Region noch weitere. Auch in Satzung, heute ein Ortsteil von Marienberg. Den Beinamen "Dorf der Glasmanufakturen" kann man hin und wieder noch lesen.

"Die Glasmacher haben sich immer dort nieder gelassen, wo es viel Holz gab."

Dietmar Geyer Museumsleiter

In seiner Schauwerkstatt lässt sich der 57-Järige gern bei der Arbeit beobachten. Er zeigt, wie Bleikristall geschliffen wird, erläutert den Pariser Schliff, spricht über seine Eigenkreation, das Rosendekor, das Vasen, Gläser, Karaffen und Schalen ziert. Er lässt seine Fingerfertigkeit an der Gravurmaschine bewundern. Sowie andere Leute auf Papier schreiben oder zeichnen, arbeiter Peter Uhlig auf Glas. Schriften sind seine leichteste Übung, sagt er. Auf unzähligen Bierseideln, Gläsern und Pokalen, ob zu runden Geburtstagen, Firmenjubiläen oder Sportwettkämpfen, hat er dies bewiesen. Aber selbst Jagdszenen oder Portraits zaubert Uhlig ins Glas. Man mag es kaum glauben, aber der Glaskünstler aus der kleinen Grenzgemeinde auf dem Erzgebirgskamm hat Kunden in der weiten Welt. Bis nach Taiwan und die USA habe er schon seine Arbeiten geliefert. Das Internet macht´s möglich.

Urlauber schauen sich gern in seiner Werkstatt und in der Verkaufsausstellung um, hin und wieder hält auch ein Reisebus, der zumeist aus Seiffen kommt. Nun gut, wird sich mancher Besucher denken, nach all den Räuchermännchen, Nussknackern und Schwippbögen jetzt eben Glas. "Die Glasherstellung und Glasveredlung hat bei uns im Erzgebirge eine lange Tradition und war viel eher da als das Schnitzen und Drechseln. Das weiß fast niemand. Und so ist das Erstaunen immer groß, wenn ich davon berichte", freud sich Uhlig. Glasland Erzgebirge?

"Ja. Das Erzgebirge war über Jahrhunderte ein Glasland", bestätigt auch Dietmar Geyer, der Leiter des Erzgebirgischen Glashüttenmuseums in Neuhausen. Er weiß, wovon er spricht. Schon seit über vier Jahrzehnten forscht er gemeinsam mit Albrecht Kirsche und tschechischen Archäologen auf diesem Gebiet. Im Ergebnis entstanden ist das 1996 eröffnete Museum.

Bereits Ende des 12. Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden im Erzgebirge die ersten Glashütten. Zisterziensermönche sollen im Zuge der Besiedlung die Kunst der Glasherstellung mitgebracht haben. Die mittelalterlichen Glasmacher nutzten diesen Wissen und vorhandenen Gegebenheiten: "die Glasmacher haben sich immer dort niedergelassen, wo es viel Holz gab" sagt Dietmar Geyer. Um ein Kilogramm Glas zu schmelzen wurden 2500 kg Holz benötigt - zum Heizen des Ofens, aber auch zur Gewinnung der Asche, die zum Glasmachen gebraucht wurde. Über eine Woche musste straff geheizt werden, um auf die Schmelztemperatur von 1200 Grad Celcius zu kommen.

Doch im Laufe der Zeit wurde durch den Bergbau und die Glashütten der einst im Überfluss vorhandene Rohstoff Holz im Erzgebirge knapper. Immer mehr Glashütten mussten schließen, die hochqualifizierten Glasmacher wanderten in das benachbarte Böhmen ab. Einzig die Glashütte Heidelbach am Schwartenberg konnte sich halten. Schon im 16. Jahrhundert hatte sie, auch durch die hohe Kunst des Gravierens uns Glasschleifens, Bedeutung über Sachsen hinaus. Selbst der Dresdner Hof unter August dem Starken gehörte zu den Kunden. Doch um 1830 wurde auch in der Glashütte Heidelbach der letzte Schmelzofen stillgelegt - nach rund 350 Jahren. Die Glasmacherfamilien gingen in die Holzbranche.

So sah sie aus, die Glashütte Heidelbach am Schwartenberg um 1816 (unten). Vor der Hauptschmelzhütte ist das Glaspochwerk zu sehen. Daneben die Pottaschsiederei.



Das Modell gehört zu den Exponaten des Neuhausener Glashüttenmuseums, ebenso wie der kunstvolle Glaspokal (unten). Das Museum hat Mittwoch bis Freitag von 10 bis 12 und von 13 bis 16.30 Uhr (letzter Einlass), und am Wochenende und an Feiertagen von 13 bis 16.30 Uhr geöffnet.


"Als in den 1970er-Jahren das große Waldsterben auf dem Erzgebirgskamm herrschte und danach das Aufforsten einsetzte, wurden unzählige dieser alten Glasofenstandorte entdeckt", erklärt Dietmar Geyer. "Wir fanden Glasschlacken, Scherben ehemahliger Glasschmelzhäfen, Glastropfen, Quarzbrocken, Steine der Offenmauerung. Wie ein Puzzle konnten wir eine Karte erarbeiten, wo auf dem Kamm Glashütten standen. Um die 120 können wir nachweisen."

Davon erzählt das Museum in Neuhausen. Und davon, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg einen Neuanfang auf dem Gebiet der Glasveredlung im Erzgebirge gab. Durch die Flüchtlinge aus dem Sudetenland kamen namhafte böhmische Glasmacher und damit das alte Handwerk in die Region zurück. Mit der Firma Volkmer & Co etablierte sich die Bleikristallveredlung in Satzung. Und in ebendiesem Betrieb hat Peter Uhlig ab 1969 sein Handwerk gelernt. Er setzt die Tradition bis heute fort. So schließt sich der Kreis.

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