Wochenspiegel - Mittwoch, den 17. Juni 1998

Junges Unternehmen in alter Tradition - Kristallene Kostbarkeiten aus neuer Werkstatt - Gäste am Wochenende herzlichst willkommen

SATZUNG (DE) Wenn Peter Uhlig seine Präsentationsmappe mit bunten Darstellungen entstandener Kunstwerke in Bleikristall öffnet, so glaubt der Besucher in einer Werkstatt der Glasveredlung zu sein, die auf eine lange Familientradition verweisen kann: Vereinswappen, historische Motive, runde Jubiläumszahlen, selbst das Konterfei zukünftiger Besitzer findet der Betrachter feinsäuberlich und mit künstlerischer Hand auf Pokale, Gläsern und Schalen aus Bleikristall, ja selbst auf einem Fußball, graviert und für alle Ewigkeit festgehalten.
Keine Frage, fast 30 Jahre Berufserfahrung haben den Satzunger geprägt, handwerkliche Fähigkeiten zur Perfektion werden zu lassen und mit den Jahren die Balance bei der Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch verinnerlicht. Doch seine Firma an der Hauptstraße in Satzung ist jung, sehr jung sogar, verglichen mit der Tradition des Bleikristallveredelns, der sich Peter Uhlig verpflichtet fühlt.

Auf den ersten Blick erinnert der Neubau an der Hauptstraße in Satzung an ein Einfamilienhaus und fügt sich somit angenehm ins Ortbild. In seinem Inneren jedoch entstehen Kunstwerke von kristallener Schönheit.

TRADITION Nach dem zweiten Weltkrieg kam das Handwerk in Folge von Flüchtlingsbewegungen aus dem Sudetenland auch nach Satzung. Besonders unter dem Firmennamen Volkmer & Co. etablierte sich die Bleikristallveredlung in der kleinen Grenzgemeinde, wurde schnell über die Grenzen hinaus bekannt. Bis zu 95% unserer Erzeugnisse ging in den Export, zumeist gegen harte Währung, erinnert sich Peter Uhlig, der 1969 die Lehre  des Glasveredlers begann, Verstaatlichung und manch zweifelhafte Entscheidung sozialistischer Wirtschaftfunktionäre miterlebte, bis schließlich die Firma 1991 dicht machen mußte. auch die Arbeit in Olbernhau währte nur ein Jahr und schließlich drohte dem fast 40jährigem Vater von zwei Söhnen die Arbeitslosigkeit. Doch das war nicht sein Ding. In der ausgebauten Garage seines Eigenheimes begann Peter Uhlig seine Selbstständigkeit, frischte einstige Kundenkontakte wieder auf und freute sich, daß, wenn schon alles kaputt gegangen, so doch zumindest der gute Ruf geschliffenen Glases aus Satzung überlebt hat. Später unterstützen ihn zwei ehemalige Kollegen. Doch deshalb von einem leichten Anfang zu sprechen, wäre fatal. Besonders die hohen Anschaffungskosten für Maschinen und teure Diamant-Werkzeuge machten dem frischgebackenen Unternehmer Kopfzerbrechen, auch fehlte es zunehmend an Platz im Haus an der Hauptstraße.

Mit geübtem Blick und sicherer Hand gibt Jürgen Köhler dem Glas den ersten Schliff. Über 30 Jahre im Beruf, war er einst mit Peter Uhlig bei Volkmer & Co. beschäftigt. Nach Konkurs der Firma fand der Glasschleifer im neu gegründeten Unternehmen Arbeit. Seinem Arbeitsgang folgt eine Säurebehandlung, um anschließend durch Gravur von Heike Tost in eigentlicher Schönheit zu erstrahlen. Die 24jährige gehört zu den letzten ihrer Zunft, die in unserer Region den anspruchsvollen Beruf einer Graveurin erlernen durfte. Interessierte Besucher haben nicht nur am Wochenende Gelegenheit, den beiden bei der Arbeit zuzuschauen.
Fotos: Degen (3)

HIER UND HEUTE Folgerichtig entschied Peter Uhlig für sich, seine Mitarbeiter und die junge Firma einen Neubau gleich neben dem eigenen Haus. Das war im vergangenen Jahr, Baubeginn erfolgte noch im September und am kommenden Samstag und Sonntag wird die offizielle Eröffnung gefeiert. Bei der Auswahl der Baufirmen entschied sich Uhlig ausschließlich für Unternehmen aus der Region. Zum einem will er damit Arbeit vor Ort vergeben, zum anderen weiß der Glasschleifer um die hohe Qualität ihrer Bauausführungen und wurde nicht enttäuscht. Alles hat prima geklappt, lobte Peter Uhlig und spart nicht Anerkennung und Dankeschön. Wir würden uns freuen, wenn recht viele Besucher am kommenden Wochenende nach Satzung finden, wünschen sich die Mitarbeiter und der Chef. Lohnen wird es sich allemal, nicht nur wegen Freibier und manch Leckerei. Denn auch zur Eröffnung haben die Interessenten die Möglichkeit, den Glasschleifern über die Schultern auf die geschickten Hände zu schauen. Und was wünscht man sich in Satzung für die Zukunft? Gute Geschäfte - keine Frage. Aber auch einen Lehrling möchte Peter Uhlig ausbilden, denn die Zunft droht im Freistaat auszusterben.

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